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Perspektivenwechsel

Als Kind im Auto über die Wehrdener Brücke. Rechts ragen Mauern und dahinter dunkle
Maschinen-Riesen. Wie oft wurde das Völklinger Kind vorbeigefahren, bevor es fragte:
"Was sind das für Dinger?" "Da wird gearbeitet. Röchling. Die Hütte."
Der Vater, Lehrer, sein Vater "einfacher Hüttenarbeiter", der den alten
Kommerzienrat Röchling noch kannte und zusah, wie der die Kinder zu sich aufs Pferd hob, wenn
er an den Siedlungen seiner Arbeiter vorbeiritt. Der Vater also sprach nicht von Hochöfen,
Sinteranlage oder Koksherstellung. Der Sammelbegriff "Hütte" genügte. Er war
gleichzusetzen mit schwerer Arbeit und Geldverdienen. "Hauptsach', die Schorschde raache."
Mehr mußte man in Völklingen nicht wissen über die Stadt hinter den Mauern.

Später las die Gymnasiastin im "Seydlitz" über lothringische Minette und
saarländische Kohle, betete auswendig daher, wie aus Sinter, Koks, Schrott und Wind
Flüssigeisen wird und wie sich aus Holzfällern, Erzgräbern oder Köhlern im Zuge der
industriellen Revolution Proletarier entwickeln - an der Saar Arbeiterbauern. Hinter die
Mauern kam sie nie.

Die Stadt Völklingen blieb grau und rostig und dreckig. Sie sah es nicht. Und wenn im Sommer
auf dem Balkon schwarze Partikelchen aufs Zeitungspapier rieselten, schnippste sie sie weg.
Manchmal stöhnten die Frauen in der Kittelschürze am Straßeneck "iwwer die Hitt', die
nur Dreck macht, daß ma dreimol am Daach Staabwische muß." Aber dem Reporter eines
politischen Magazins sagten sie nichts. "Das geht den doch nix aan. Hauptsach', unser
Schorschde raache."

Was da in seltsamer Symmetrie gegen den Himmel stak, waren immer noch "die Dinger".
Und für die jungen Mädchen, die nach der sechsten Stunde in der Rathausstraße flanierten,
waren die Männer, die ihnen, immer neue, immer mehr, aus Richtung des Bahnhofes
entgegendrängten, ausnahmslos "die, die uff da Hitt schaffe". Eine gesichtslose
Masse. Nur die billig glänzenden Kunststoffaktentaschen blieben im Gedächtnis.

Italienisch mischte sich ins Stimmenmeer. Aber bald schon marschierten sie schweigend, die
ausländischen wie die saarländischen Arbeiter, neben ihnen die Angst. "In Völklingen
gehn die Lichter aus", stand in der Zeitung. Und die Nachbarin wußte es auch schon:
"De Max is immer dehemm. Kurzaawed."

Natürlich wußte spätestens die Abiturientin, daß "die Dinger" Hochöfen
waren und mit ihnen festzementiert soziale Strukturen. Deshalb gab es nun schon in zweiter
Generation in ihrer Familie niemanden mehr, der auf dem Hüttengelände beschäftigt war. Da
draußen lag wahrlich eine "verbotene Stadt". Am Bahnhof verlief der unsichtbare
soziale Graben.
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